Wer soll das glauben?

Knapp acht Jahre nach dem Tod von Palästinenserführer Jassir Arafat behaupten nun seine Witwe und der arabische Sender Al Jazeera Belege für ein Attentat gefunden zu haben. Der Übervater der Palästinenser soll vergiftet worden sein. Mit radioaktivem Polonium. Der mutmaßliche Übeltäter steht bereits fest: natürlich Israel. Wer sonst?

Was zunächst nach einem Polit-Krimi aussieht, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung schnell als fragwürdige Recherche eines Senders, dem nicht zu Unrecht immer wieder vorgeworfen wird, mehr Politik zu betreiben als Journalismus. Das TV-Spektakel garantiert zudem hohe Einschaltquoten. Denn Verschwörungstheorien haben im arabischen Raum Hochkonjunktur. Israel wird alles zugetraut. Die Giftanschlag-Theorie ist ein weiterer Beweis dafür.

Es beginnt bei der Kronzeugin. Suha Arafat, die Witwe Jassirs. Sie dürfte es nach palästinensischem Verständnis gar nicht geben. Hatte der greise PLO-Chef doch stets betont, er habe nur eine Braut und das sei Palästina. Entsprechend schwer war es für die reiche, in Paris aufgewachsene Exil-Palästinenserin, die Herzen „ihres“ Volkes zu gewinnen. Dass sie sich vor dem Leben in der Westbank ekelte wurde spätestens klar, als sie zur Geburt ihres Kindes nach Paris ging – wegen der schlechten Hygiene in den Krankenhäusern. Ärger gab es auch, als sie zu Beginn der Intifada 2000 wieder nach Paris flüchtete. Trotz ihrer Aussage, sie könne sich für einen Sohn nichts Ehrenvolleres als den Martyrertod vorstellen, schlug ihr blanker Hass aus den Gesichtern der echten Palästinenser entgegen. Kein Wunder: Sie hat eine Tochter.

Suha Arafat war es, die direkt nach dem Tod ihres Mannes die PLO-Führung des Mordes an ihm bezichtigte – jetzt sollen es die Israelis gewesen sein. Sie lehnte eine Obduktion des Leichnams ab, nun will sie die Reste ihres Mannes exhumieren. Sie verhinderte, dass der medizinische Abschlussbericht der französischen Ärzte veröffentlicht wird. Drei Untersuchungskommissionen scheiterten deswegen. Und nun bringt sie eine Tasche mit alten Unterhosen in ein Schweizer Labor, das daraufhin eine “überraschend hohe Menge” von Polonium in den eingetrockneten Urinflecken des Palästinenserführers findet. Wer soll das glauben?

Das untersuchende Institut in Lausanne (Schweiz) glaubt die Geschichte vom Attentat jedenfalls selbst nicht wirklich. Trotz des Polonium-Nachweises könnten keine Rückschlüsse gezogen werden, ob Arafat vergiftet wurde oder nicht, sagte ein Sprecher gegenüber Spiegel Online. Doch Al Jazeera macht sich seine Top-Story doch nicht durch Recherche kaputt. Bemerkenswert auch folgende Aussage des Instituts: Die in Arafats Krankheitsakte festgehaltenen Symptome stimmten nicht mit denen einer Vergiftung mit Polonium-210 überein.

Aber welche Rolle spielen schon Fakten, wenn die Einschaltquoten stimmen? Mit der Glaubwürdigkeit der Dame ist es sowieso nicht weit her. Ihr geliebtes Paris musste Suha Arafat wegen Ermittlungen gegen sie inzwischen verlassen. Die Behörden vermuten, dass sie Arafats Vermögen von rund 300 Millionen Dollar hat verschwinden lassen. Auch in Tunis musste sie vor der Verhaftung fliehen. Alles natürlich nur Verschwörungen. Sie wohnt nun übrigens in Malta – weil sie kein arabischer Staat aufnehmen wollte.

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Arafat-Witwe will Leiche exhumieren lassen (SpOn)

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