Laudatio auf Iris Berben

Die Journalistin und Theodor-Lessing-Preisträgerin Esther Schapira hat die Laudatio auf ihre Nachfolgerin Iris Berben gehalten. Wir haben sie hier im Wortlaut veröffentlicht.

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Liebe Frau Berben,

als ich erfuhr, dass Sie in diesem Jahr mit dem „Theodor Lessing Preis“ der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft Hannover ausgezeichnet werden, habe ich gedacht: Wie schön, es trifft die Richtige!

Als ich erfuhr, dass Sie sich mich als Laudatorin gewünscht haben, da dachte ich: Oh je, es trifft die Falsche!

Haben Sie sich das auch gut überlegt? Ich muss nämlich gestehen: Als Lobpreisende bin ich völlig ungeeignet, Schmeicheleien liegen mir nicht, Lobhudeleien sind mir ein Graus. Was ich sage, meine ich ernst. Je länger ich mich mit Ihnen und Ihrer Arbeit beschäftigt habe, umso erleichterter war ich dann. Ehrlichkeit und Laudatio passen in Ihrem Fall gut zusammen. Sie haben den Preis, den Sie heute bekommen, wirklich verdient.

Die Beschäftigung mit Ihrer Biographie war zudem ein persönliches Vergnügen, denn überrascht entdeckte ich, wie viele Gemeinsamkeiten wir haben: Sie sind Schauspielerin, ich wäre es gern geworden – und es mag den ein oder anderen geben, der sich wünscht, ich hätte an diesem Traum festgehalten und wäre also nicht Journalistin geworden.

Der Holocaust-Überlebende Gad Cranach hat sich spontan in Sie verliebt und auch ich komme besonders gut an bei jüdischen Männern und Frauen ab 90. Menschen also, die ihre Familien verloren haben und liebevoll jene wenigen adoptieren, bei denen sie Wärme, Verständnis, Geborgenheit spüren.

Sie bemühen sich um die Erinnerung an die so früh ermordete junge Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger und ich bin gerade beteiligt an einem Schulbuchprojekt über sie.

Wir kennen und lieben beide Israel, dieses meschuggene, schwierige, einzigartige kleine Land, das so viele Menschen hassen, ohne es je erlebt zu haben. Menschen, die es wie Jakob Augstein, sogar strikt ablehnen, dorthin zu fahren und sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen, weil sie ihre Meinung durch nichts und schon gar nicht durch Fakten erschüttern lassen wollen.

Wir erfahren, wie schwer es ist und wie unpopulär, sich für Israel und gegen Antisemitismus zu engagieren und dass es immer schwieriger wird, je länger die Shoah zurückliegt und je geringer die Scheu wird, zu sagen, was schon so lange gesagt werden wollte.

Wir spüren die Kälte, mit der über Israel und die Empfindlichkeit der Juden diskutiert wird.

All das verbindet uns und nun kommt noch der Theodor-Lessing Preis dazu. So gesehen haben Sie sich vielleicht dann doch die richtige Laudatorin ausgesucht.

Der Preis wird Ihnen heute verliehen wegen Ihres unermüdlichen „Engagements gegen Rechtsextremismus undAntisemitismus und für das Existenzrecht Israels in sicheren Grenzen“, wie es unter anderem in der Begründung heißt. Wie ich Sie einschätze, werden Sie sagen: doch nicht dafür! Doch dafür!, sage ich, weil es eben nicht selbstverständlich ist, sich gegen Rechte und Antisemiten aufzustellen oder gar für den Staat Israel. Freunde macht man sich damit nicht, im Gegenteil. Sagen Sie einfach nur mal „Israel“, wenn es gerade gemütlich ist. Den Rest des Abends können Sie dann getrost vergessen.

Sie aber gehören zu den Erstunterzeichnern der Initiative „Stop the Bomb“, gegen das iranische Atomwaffenprogramm. Damit gehören sie klar zu einer Minderheit und genau deshalb ist ihr Engagement keineswegs selbstverständlich. Denn gerade als Schauspielerin hängt ihre Karriere ja wesentlich von ihrer Popularität ab. Sie leben vom vom Zuspruch des Publikums. Und da gäbe es deutlich populärere Themen: Die Sorge der Deutschen nämlich gilt dem deutschen Wald und dem Benzinpreis, oder umgekehrt. Auch Tierschutz, Klimakatastrophe oder, wenn es denn außenpolitisch sein soll, notfalls auch das Leid der Palästinenser sind Applaus taugliche Themen.

Aber doch nicht Israel! Gut zwei Drittel der Deutschen haben zwar begriffen, dass es für Israel eng wird, wenn Teheran die Bombe hat. Aber was kümmert es uns?

Nach einer Emnid-Umfrage fordern 83 Prozent, dass sich Deutschland raushalten solle. Schade um Israel, aber besser für uns. Der Weltfrieden steht auf dem Spiel und den gefährdet Israel, schreibt der Literaturnobelpreisträger Günter Grass „mit letzter Tinte“ und weiß sich damit im Einklang mit der Mehrheit der Deutschen.

Es dominiert die Angst, dass die Juden sich diesmal wehren gegen ihre Vernichtung und dass das einen „Flächenbrand“ auslösen könnte, dessen Flammen am Ende auch uns erreichen könnten.

Kein anderes Volk hat so oft erlebt, wie gefährlich es ist, sich nicht rechtzeitig zu wehren.

„Der Schutz der Juden ist Sache der Juden, keiner wird das übernehmen. Die Erfahrung zeigt, dass es keinen Schutz gibt, es gibt Hilfe und Sympathie, aber um zu schützen, muss man bereit sein, auch mit Blut zu zahlen und das tut keiner“.

Bittere Worte eines Mannes, der hilflos mitansehen musste, wie seine Landsleute bei den Olympischen Spielen in München ihren Mördern ausgeliefert wurden: Zwi Samir, dem damaligen Chef des Mossad, stockt noch nach 40 Jahren die Stimme, als er uns davon berichtet.

Wer der Vernichtung nur knapp entronnen ist, hat begreiflicherweise wenig Bereitschaft, gelassen abzuwarten, wie es diesmal ausgeht und auf die Wirkung von UN-Resolutionen nach der Katastrophe zu vertrauen. Auf Empathie können aber maximal die toten Juden hoffen. Doch selbst das lässt nach.

48 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass wir heute keine besondere Verantwortung mehr gegenüber den Juden haben. Knapp jeder Dritte, in Ost wie West, behauptet, Juden nutzten die Erinnerung an den Holocaust aus. Fast jeder dritte Deutsche glaubt, dass Juden nicht zu uns passen.

Sind die Deutschen also nur ehrlicher in ihren Antworten oder antisemitischer geworden? Beides, fürchte ich.

Sie, liebe Frau Berben, machen unermüdlich Lesungen zum Holocaust, Sie parallelisierten das Tagebuch der Anne Frank mit dem ihres Mörders Joseph Goebbels. Es graust Sie, wenn Sie Schlachtrufe deutscher Fußballfans in einem Stadion in der Ukraine hören: „Sieg, Sieg“. Aber Sie müssen feststellen: „Die Leute wollen es immer weniger hören“.

„Die Leute wollen es immer weniger hören“, werden sich auch die Programmplaner bei ARD und ZDF gedacht haben:als Inge Deutschkron, eine der letzten überlebenden Zeitzeugen, zum Holocaust-Gedenktag so überaus beeindruckend im Bundestag sprach, wurde ihre Rede auf „Phoenix“ entsorgt, im Regelprogramm lief, „Drehscheibe Deutschland“, bzw. das „ARD-Buffet – Leben und Genießen“. Dabei fiel ihre Rede ausgerechnet auf den 30.1., den 80. Jahrestag der Machtergreifung. Inge Deutschkron erinnert sich an ihren Vater, einen bekannten Pädagogen seiner Zeit. Er glaubte fest daran, dass man ihn nach dem Krieg brauchen würde, um ein neues, ein anderes Deutschland wieder aufzubauen. Aber den Juden hat niemand gerufen, er blieb in England und wurde britischer Staatsbürger.

Was die Leute hören und sehen wollen, konnten Sie in den vergangenen Tagen erleben. Es wurde begeistert geschunkelt und Helau gerufen. Und am Ende der Sendung „Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht“ wurde es dann unvermutet ernst in der Bütt. Da forderte der Redner plötzlich die Juden auf, die körperliche Unversehrtheit von Kindern zu garantieren. Beschneidung als Büttenrede – da kennt der Narr kein Pardon! Tusch!! Wenn es darum geht, Juden Moral beizubringen, hört der Spaß nicht erst am Aschermittwoch auf.

Ihr Engagement gegen Rechtsextremismus wird ausgezeichnet. Schön und gut, werden Sie sagen, aber ist es nicht eine Selbstverständlichkeit, gegen Rechts zu sein? Nein, ist es leider nicht und wäre doch bitter nötig. Im Osten Deutschlands hat fast jeder Sechste ein geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild. Nach einer Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung hat sich dieser Wert seit 2006 verdoppelt, schlimmer noch: rechts ist salonfähig geworden. Sie, verehrte Frau Berben, bekommen inzwischen Briefe mit Beschimpfungen auch von Rechtsanwälten, von Ärzten, von Menschen, die nicht anonyme Drohungen ausstoßen, sondern mit reinem Gewissen und genauem Absender. Sie nehmen das nicht hin, Sie zeigen Gesicht. Sie verstecken sich nicht. Und machen weiter – auch wenn viele Ihrer Fans dieses Engagement nicht verstehen, es eher als Marotte abtun, die sie Ihnen „verzeihen“, weil Sie so freundlich, so sympathisch, so schön sind.

Im Netz gibt es putzige Debatten: „Ist sie jüdisch? Oder warum ist sie sonst so?“ „Sie soll lange Zeit mit einem Mitbürger jüdischen Glaubens liiert gewesen sein“, weiß ein Schlaumeier.

Was in solchen Fragen mitschwingt, will ich mir nicht vorstellen.

Aber, ich gebe es zu, auch ich habe mich gefragt, woher Ihr Engagement kommt, gerade weil es eben nicht selbstverständlich ist. Jedenfalls nicht für die Nachkommen der Täter. Die Opfer und ihre Familien hatten nie das Privileg, wählen zu können, ob sie „es“ noch hören wollen, ob sie sich „damit“ noch beschäftigen wollen. Sie konnten wählen und sie haben sich dafür entschieden. Warum?

Ich habe u.a. eine Antwort gefunden, die mit dem Namensgeber dieses wichtigen Preises zu tun hat. In Ihrem Schulzeugnis stand sinngemäß: passt sich der Gemeinschaft nicht an. Dreimal sind Sie allein von einem Internat geflogen, waren „aufsässig“. Da hätten Sie sich mit Theodor Lessing prima verstanden. In seinen Erinnerungen heißt es:

„Dieses deutsche Gymnasium mit Patriotismus, Latein und Griechisch in den Hauptfächern …, diese halb auf Ämterwettlauf und Streberei, halb auf eine verlogene, deutschtümelnde Phrasenhaftigkeit aufgebaute Menschenverdummungsanstalt war nicht nur ungeheuer gewissenlos, – sie war vor allem langweilig …“

Der Widerstand gegen die Langeweile der „Menschenverdummungsanstalt“ führt zu eigenständigem Denken, eine gute Voraussetzung für den Kampf gegen Antisemitismus.

Theodor Lessing hat seine Unangepasstheit und den Umstand, ein Jude in Deutschland zu sein, mit dem Tod bezahlt. Er war ein Mensch zwischen den Stühlen. Thomas Mann, den er satirisch als „Bürger-Prinzchen” zum Duell heraus forderte, ließ alle Hemmungen fallen und beschimpfte ihn als ein „Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse”. Noch kurz vor seinem Tod hat Theodor Lessing in einem Artikel für das „Prager Tagblatt“ geschrieben, es gäbe Hellseher und Scharlatane, die in Hannover umherzögen und ihm einen nahen Tod prophezeiten. Scharlatane eben, dachte er und irrte sich. „Mein Tod“ hieß die Kolumne, fast auf den Tag vor 80 Jahren, kurz nach der „Machtergreifung“ hat er sie geschrieben. Seine Mörder: gedungene Killer im Dienste des Reichs. „Vielleicht kann ich aber im Tod mehr nützen als im Leben“, hat Lessing trotzig behauptet. Das war sicher falsch, denn wie nötig wäre seine kluge, kritische Stimme auch später noch gewesen. Vergessen aber ist er nicht – auch Dank dieses Preises. Er ist vielmehr der Pate der Aufsässigen, der Unbotmäßigen, derer, die nicht einfach mit dem Strom schwimmen, sich anpassen und auf den Applaus der Mehrheit schielen. Und so gesehen, sind auch Sie ein „Patenkind“ Theodor Lessings. Wenn Sie, liebe Frau Berben, also heute den Preis entgegen nehmen, dann soll Ihnen das auch Ermutigung sein, weiter aufsässig zu sein, weiter zu stören, weiter zu sagen, was so viele Ihrer Bewunderer nicht hören wollen.

Wie sehr Sie sich für das freie Wort, für eigenes Denken und damit für alle einsetzen, die gegen den Strom schwimmen, das haben Sie gerade wieder gezeigt. Als Präsidentin der Deutschen Filmakademie haben Sie einen Brief von Filmschaffenden an den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad unterzeichnet, in dem Sie fordern, dass der iranische Filmregisseur Jafar Panahi, der Berufsverbot im Iran hat und zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden ist, zur Berlinale reisen darf. Sie schreiben dort: „Die Geschichte zeigt, die Verbreitung von Ideen und künstlerischen Werken lässt sich behindern, aber nicht unterdrücken. Wir haben besonders in Deutschland erlebt, wie elementar und wichtig Reisefreiheit nicht nur für Kulturschaffende sondern für alle Menschen ist.“

Ich will das Schlusswort einer jungen Dichterin geben, die auch so gern gereist wäre, die Welt entdeckt hätte und uns so viel zu sagen hatte. Das junge Mädchen stammte aus Czernowitz, einer einst blühenden jüdischen Stadt, heute judenleer, wie die Geburtsstadt meines Vaters, ganz in der Nähe. Das junge Mädchen wurde nur 18. Sie starb an Flecktyphus in einem Arbeitslager. Sie schrieb Gedichte auf Deutsch, aber Deutsch versteht niemand mehr in Czernowiz. Sie haben die Gedichte übersetzen lassen ins Ukrainische. Sie sollen auch dort verstanden werden. 57 Gedichte hat sie hinterlassen, Selma Meerbaum-Eisinger, das junge Mädchen aus Czernowitz:

„Ich möchte leben.
 Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
 Ich will nicht sterben. Nein!“

Nehmen Sie den Preis und machen weiter.
Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch

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