Dieser Text ist eine Wiedergabe der Rede vom Vorsitzenden der DIG - AG Hannover Kay Schweigmann-Greve zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2010
Liebe Anwesende,
es hat offensichtlich einige Jahrzehnte gedauert, bis das Bewusstsein für dem Zivilisationsbruch für den der Name „Auschwitz“ steht in seiner ganzen Bedeutung erkannt wurde und die Erinnerung daran ihren Ort im gesellschaftlichen Leben bekam. Seit 1996 ist der 27.Januar offizieller Gedenktag in Deutschland, seit 2005 durch Resolution der UN-Vollversammlung internationaler Gedenktag. Das ist im Bewusstsein vieler Menschen angekommen. Deshalb freut es mich, dass dieses Gedenken hier in so angemessener Weise begangen werden soll.
Gestern hat Salomon Finkelstein, Auschwitzüberlebender und seit Jahrzehnten Hannoveraner, vom Verlust seiner Familie, von der Zerstörung seiner Heimat und der Ermordung fast aller Menschen, mit denen er seine Kindheit verbracht hat, und vor allem von seinen eigenen schlimmen Erlebnissen während der Shoah im Niedersächsischen Landtag berichtet. Damit finden diese Erinnerungen endlich ein offizielles Forum in unserer Gesellschaft, wie es ihnen gebührt. Es ist nur schmerzlich, dass dies erst heute geschieht. Eine solche Veranstaltung hätte in den fünfziger Jahren stattfinden müssen, als unser Land von der Mittäterschaft der Wehrmacht und der Beteiligung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung an den Verbrechen gegen Juden, Sinti, Homosexuelle und Menschen mit Courage die aus den verschiedensten Gründen das Mitmachen verweigerten, nicht wahrhaben wollte.
Heute, wo die persönliche Schuld der Täter und Mitläufer einer abstrakteren Verantwortung ohne unmittelbaren persönlichen Anteil weicht, ist dieses Gedenken möglich, immerhin.
Während uns in Bezug auf diese unrühmliche Vergangenheit – vor und nach 1945 – nur die Aufgabe bleibt, es nunmehr wahrhaftiger und angemessener zu versuchen, gibt es doch Konsequenzen dieser Verantwortung, denen wir heute politisch aktiv gerecht werden müssen: Israel ist das Land, in dem die größte Zahl der Überlebenden der Shoah eine neue Heimat gefunden hat. Israels Sicherheit ist Teil deutscher Staatsraison hat Bundeskanzlerin Merkel gesagt. Das zu hören ist gut, und die gemeinsamen Regierungskonsultationen der israelischen und der deutschen Regierung in Berlin vor ein paar Tagen sind ein ermutigendes Symbol. Dies gilt besonders angesichts des Umstandes, dass Israel bis heute von vielen seiner Nachbarn das Existenzrecht abgesprochen wird und der böse Demagoge in Teheran offen mit Israels Vernichtung droht. Der iranische Griff nach der Atombombe ist ernst gemeint und steht auch in einem unmittelbaren Zusammenhang mit den Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel. Das scheint inzwischen auch bei vielen Verantwortlichen angekommen zu sein. Die Bundeskanzlerin hat ja gerade erklärt, dass sie bei verschärften Sanktionen gegen den Despoten mitziehen würde – genau da beginnt jedoch ein Glaubwürdigkeitsproblem: Deutschland ist der größte Handelspartner des Irans in Europa, einer der wichtigsten weltweit. Ohne die wohlfeilen Güter von Siemens, Mercedes und vieler mittelständischer Unternehmen wäre die iranische Wirtschaft und teilweise auch Militärmacht weniger stark als sie es heute sind. Ganz abgesehen davon, dass der Gedanke unerträglich ist, dass deutsches technisches Know-how zum Bau der iranischen Bombe beitragen könnte, dürfen auch die Lafetten iranischer Raketen nicht aus den Fabriken von Mercedes oder MAN stammen! Es ist unsere Aufgabe öffentlich und gegenüber Abgeordneten und sonstigen Politikern darauf zu dringen, das deutsche Wirtschaftsgüter nicht den iranischen Staat stabilisieren – das gilt auch im Hinblick auf die mutige iranische Opposition, die man nicht einerseits loben kann, während man andererseits ihre Feinde in der iranischen Regierung fördert. In der israelischen Zeitung Haaretz konnte man gestern lesen, dass die Ermahnungen der israelischen Regierung dazu geführt haben, dass ein deutsches Baukonsortium nicht den Bander-Abbas-Port renoviert und ausbaut, den Hafen von dem aus das Schiff mit Waffen für die Hisbollah im Libanon, das die israelische Marine kürzlich abfangen konnte, in See gestochen war. Selbst Siemens soll seine Wirtschaftskontakte reduzieren wollen, konnte man heue in Haaretz lesen.
Die Israelis haben seit Gründung ihres Staates ganz gut selbst für ihre Sicherheit gesorgt, diese Aufgabe können wir ihnen nicht abnehmen. Es ist jedoch unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Feinde Israels keine Unterstützung aus Deutschland erhalten. Ob wir heute unserer historischen Verantwortung gegenüber den Juden und dem jüdischen Staat gerecht werden, misst sich selbstverständlich daran, wie wir mit jüdischem Leben in Deutschland heute umgehen und ob wir entschieden genug gegen Antisemitismus und Neonazis auftreten, historische Verantwortung misst sich jedoch ebenso daran, ob Deutschland international einen Beitrag dazu leistet, denen, die heute Judenmord betreiben, propagieren und planen, Einhalt zu gebieten. Auch das dürfen wir heute nicht vergessen!
Kay Schweigmann-Greve
Vorsitzender der DIG - Hannover
Fotos: Mikhail Yasnev (jasfilms)





