Gay Pride Parade Jerusalem 2012

Jedes Jahr zieht die schwul-lesbische Community feiernd durch Jerusalem. Die politische Komponente der Gay Pride Parade 2012 hat sich der Vorsitzende der DIG Hannover, Kay Schweigmann-Greve, während seines Familienurlaubs einmal genauer angeschaut.

Gay Pride 2012

Blauhemden auf der Gay Pride 2012 in Jerusalem

Regenbogenfahnen, Luftballons, Demonstranten in Pink, in politischen T-Shirts und Blauhemden der Jugendbewegungen und im Hintergrund eine massive Polizeimacht. Die zehnte Jerusalem Gay Pride Parade bewegte am vergangenen Donnerstag nach einem fröhlichen Auftakt im Unabhängigkeitspark mit einem langen Demonstrationszug durch das Zentrum des jüdischen Westjerusalems. 4000-5000 Menschen zogen skandierend und singend über die King-George-Street und meldeten lautstark ihren Anspruch an, als LGBTQ-Commuinity (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer) Teil der Gesellschaft zu sein und widersprachen damit der religiösen-Orthodoxie, die normalerweise das Jerusalemer Straßenbild beherrscht. Im Unterschied zu Tel-Aviv, wo die Gay-Community ein unumstrittener integraler Bestandteil der Stadtgesellschaft ist, an deren jährlicher Parade ca. 70 000 Menschen teilnehmen, tut sich das „heilige“ Jerusalem schwer damit, lesbisch-schwule Lebensformen zu akzeptieren. Im Jahre 2005 attackierte gar ein ultraorthodoxer Extremist mit einem Küchenmesser Demonstrationsteilnehmer und noch in den vergangenen Jahren säumten orthodoxe Gegendemonstranten die Jerusalemer Straßenränder und beschimpften die Paradeteilnehmer. Die diesjährige Veranstaltung verlief jedoch rundherum friedlich. Die Orthodoxen hatten ihre Protestveranstaltung in ihr eigenes Stadtviertel Meat Shearim verlegt und traten daher öffentlich nicht in Erscheinung. Die Sicherung der Parade mit berittener Polizei und massive Polizeipräsenz im Hintergrund tat das Übrige.

Das besondere dieser Veranstaltung war weniger die für Schwulendemos typische ausgelassene Stimmung, als die politische Breite der Unterstützer: Von der gerade vor neun Monaten gegründeten Schwulengruppe in der rechten LIKUD-Partei, über die Schwulenvereinigung der Arbeitspartei, Aktivisten der alternativen Meretz- und der jüdisch-arabisch-kommunistischen Chadash-Partei, zu Vertretern der beiden traditionellen linken Jugendbewegungen Noar Oved und Haschomer Hazair bis zu Telem der Jugendbewegung des liberalen religiösen Judentums in Israel. Den lärmenden Schluss des Zuges bildete eine kleine pink-schwarz gekleidete Gruppe von Anarchisten. Anders als bei vergleichbaren Anlässen etwa in Berlin, konnte man den Eindruck gewinnen, die Unterstützer seien in der Parade gegenüber der eigentlichen Gay-Community in der Überzahl. So wurde jedenfalls deutlich, dass Jerusalem nicht nur über heilige Stätten, sondern auch über eine bunte Szene verfügt, die sich der Unterstützung eines großen Teils der übrigen Gesellschaft erfreut.

Auf der Abschlusskundgebung wurde es noch einmal ernst. Es wurde an den zweijährigen Jahrestag des Überfalls auf ein schwules Jugendzentrum in Tel Aviv 2009 erinnert, bei dem zwei Besucher ermordet und viele weitere verletzt worden waren. Der Leiter des „Open House Jerusalem”, das die Parade angemeldet hatte, forderte vor der Knesset die Polizei auf, die Suche nach den Tätern fortzusetzen und die Opfer dieses schwulenfeindlichen Mordanschlages den Opfern sonstiger Terrorattacken gleichzustellen und ihnen dieselbe staatliche Unterstützung zukommen zu lassen wie diesen.

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