Dinkla: “Bindeglied zwischen Deutschland und Israel”

Der Präsident des Niedersächsischen Landtags, Hermann Dinkla, hat die Delegierten der ordentlichen DIG-Hauptversammlung im Parlament in Hannover empfangen. In seiner Rede betonte er vor allem die Bedeutung des Jugendaustausches zwischen Niedersachsen und Israel. Dazu versprach er: “Auch in Zukunft wird Deutschland, wird Niedersachsen fest an der Seite Israels stehen als ein treuer und verlässlicher Partner und Freund.” Unter den Anwesenden Gästen waren auch die Abgeordneten Swantje Hartmann (CDU), Stefan Schostok (SPD), Christian Grascha (FDP) und Helge Limburg (Grüne). Die Linkspartei hatte keinen Vertreter geschickt. Wir veröffentlichen hier mit Genehmigung des Landtagspräsidenten die schriftliche Fassung seiner Rede. Es gilt – wie üblich – das gesprochene Wort.

Landtagspräsident Hermann Dinkla

Landtagspräsident Hermann Dinkla (Foto: Mathias Schindler)

„Ein solides Bindeglied zwischen Deutschland und Israel“

 

Grußwort anlässlich des Empfangs der Delegierten der Hauptversammlung der Arbeitsgemeinschaften der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) am 27. Oktober 2012, 18.30 Uhr, im Niedersächsischen Landtag, untere Wandelhalle

 

Begrüßung, Anrede,

anlässlich Ihrer Hauptversammlung heiße ich Sie, die Delegierten, Gäste und Freunde der Arbeitsgemeinschaften der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ganz herzlich im Niedersächsischen Landtag willkommen. Ich freue mich, dass Sie Ihr diesjähriges Treffen in Hannover veranstalten und damit in einer weltoffenen Stadt zu Gast sind. Hannover und Niedersachsen stehen insbesondere für gute, enge und vor allem freundschaftliche Beziehungen zu Israel und dem israelischen Volk. Und für den Niedersächsichen Landtag ist es eine besondere Ehre und Freude, Sie hier als Gäste zu empfangen.

Ganz gewiss ist Ihre Entscheidung für Hannover als Tagungsort Ihrer Hauptversammlung 2012 ein Zeichen, mit der Sie die gute Arbeit der niedersächsischen Arbeitsgemeinschaften der Deutsch-Israelischen Gesellschaft anerkennen und würdigen.

Einer solchen Würdigung schließe ich mich nur zu gerne an, zumal dieses ehrenamtliche Engagement – das möcht ich betonen – wirklich hervorragende Ergebnisse erzielt. Ich weise hier nur auf die lebendigen Partnerschaften mit israelischen Städten und Institutionen hin, die auf dem Wirken sowohl der niedersächsischen als auch anderer Länderarbeitsgemeinschaften der Deutsch-Israelischen Gesellschaft fußen. Ihr Engagement in mehr als 50 Deutsch-Israelischen Arbeitsgemeinschaften bundesweit und sechs in Niedersachsen, nämlich in Hannover, Braunschweig, Osnabrück, Oldenburg, Ostfriesland sowie Cuxhaven, verdient höchstes Lob.

Als überparteiliche Organisation ist es Ihr Ziel, dazu beizutragen, die menschlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Deutschland und Israel zu festigen und zu vertiefen.

Ein solches Ziel zu verfolgen ist nicht denkbar ohne die Vergewisserung des historischen Hintergrundes. Hierfür steht in Niedersachsen ein besonderer Ort – nämlich das ganz in der Nähe liegende Bergen-Belsen, der beispielhaft für das schreckliche Geschehen steht, das jüdischen Menschen in deutschem Namen angetan wurde. Die Bilder des Grauens und des Todes, die sich bei der Befreiung des Lagers am 15. April 1945 boten, gingen um die Welt und sind heute Bestandteil zahlreicher Geschichtsbücher, mit denen an die schrecklichen Ereignisse von damals erinnert wird. Erinnern möchte ich dabei ebenfalls an Anne Frank, die im März 1945 dort ums Leben kam und die uns ein ergreifendes Tagebuch hinterließ. Eine Schule in Bergen trägt heute ihren Namen.

Freundschaft mit Israel wurde nur möglich, weil sich Deutschland zu seiner historischen Verantwortung für das entsetzlichste Verbrechen in seiner Geschichte bekennt und Verantwortung dafür übernimmt. Das beinhaltet auch, an das Grauen in den Konzentrationslagern zu erinnern und darüber zu informieren und zu vermitteln, dass der Einsatz für Menschenwürde, Menschenrechte und Gerechtigkeit als immerwährende Aufgabe zu verstehen ist, damit Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit weder in Deutschland noch anderswo jemals wieder Fuß fassen können. Die Schrecken der jüngeren Vergangenheit sollten aber nicht den Blick dafür verstellen, dass es in Vergangenheit und Gegenwart zwischen Deutschen und Juden viel Verbindendes gibt – in Kunst, Literatur und Musik ebenso wie in den Bereichen Wirtschaft und Politik. Deutsche Geschichte ist gar nicht denkbar ohne die untrennbaren Anteile, die jüdische Menschen und Kultur an ihr haben.

Unsere Gesellschaft ist historisch nicht nur vom Christentum geprägt, das ja seinerseits im jüdischen Glauben wurzelt. Auch jüdisches Leben gibt es seit 1500 Jahren in Deutschland – und seit langem auch im heutigen Niedersachsen. Zahlreiche jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger waren und sind mit unserer Nation und unserer Kultur eng verwoben. Ich nenne nur die Namen Moses Mendelssohn, Heinrich Heine, Albert Einstein, Franz Kafka, Karl Marx, Walter Rathenau. Sie alle haben Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft unseres Landes entscheidend mitgeprägt.

Heute hat die jüdische Kultur wieder einen festen und wahrnehmbaren Platz in Deutschland. Auch in Niedersachsen gibt es ein aktives und wachsendes jüdisches Leben. Die niedersächsische Zusammenarbeit mit Israel ist lebendig. So unterhalten acht niedersächsische Städte Partnerschaften mit Städten in Israel. Daneben gibt es eine effektive Zusammenarbeit im Bereich der Gedenkstätten und Hochschulen sowie in der Jugendarbeit.

Zu diesem wiedererstandenen kulturellen Leben gehört auch die jüdische Musikkultur mit ihren jahrhundertealten Wurzeln. Bis 1938 war sie fester Bestandteil des abendländischen Kulturlebens. Der 9. November 1938 setzte dieser traditionsreichen Kultur ein gewaltsames Ende.

Wir sind deshalb sehr dankbar, dass wir in unserer Landeshauptstadt seit 1988 das Europäische Zentrum für jüdische Musik zum anerkannten und geschätzten Bestandteil des kulturellen Lebens zählen können und das sich mit großem Engagement der Rekonstruktion der Musik der zerstörten Synagogen widmet.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, zwischen Deutschen und Juden sind nicht nur durch unsere Geschichte eng miteinander verwoben. Uns verbinden darüber hinaus gemeinsame Werte und Anschauungen von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten.

Deutschland ist heute – nach den USA – wichtigster Partner Israels. Auch der Niedersächsische Landtag fühlt sich der engen Zusammenarbeit mit Israel verpflichtet. Neben Ministerpräsident McAllister, der im August dieses Jahres Israel bereist hat, hat auch das Präsidium des Niedersächsischen Landtages mehrfach dieses ganz außergewöhnliche Land besucht.

Am 11. Juli d. J. konnte ich darüber hinaus den neuen israelischen Botschafter hier zu seinem Antrittsbesuch empfangen. Regelmäßig sind auch Jugendliche aus Israel hier im Landesparlament zu Gast und junge niedersächsische Schülerinnen und Schüler konnten im Rahmen eines Seminartages im Landtag viel Neues über das Leben der Menschen in Israel erfahren. Daneben erinnern wir im Rahmen von Aus-stellungen an jüdisches Leben in Niedersachsen und gedenken der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und des Konzentrationslagers Bergen-Belsen.

Eine besondere Freude war es mir, am 18. September 2008 hier im Niedersächsischen Landtag in Anwesenheit des damaligen israelischen Botschafters im Rahmen einer Feierstunde das 60-jährige Bestehen des Staates Israel zu würdigen.

Freundschaft und Zusammenarbeit können nicht auf Parlaments- und Regierungsebene verordnet werden, sie müssen insbesondere von den Menschen unserer Länder getragen werden. Deshalb freuen wir uns über die zahlreichen Partnerschaften insbesondere zwischen Städten und Schulen unserer beiden Länder.

Israel ist darüber hinaus für uns Deutsche ein beliebtes Urlaubsziel mit großer Tradition, das gerne besucht wird. Auch viele Niedersachsen sind beeindruckt vom Pioniergeist und Aufbauwillen der dort lebenden Menschen.

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Israel und Niedersachsen sind zum Vorteil beider Seiten eng und vertrauensvoll. So wie wir Niedersachsen Produkte aus Israel schätzen, schätzt man in Israel zahlreiche Erzeugnisse unseres Landes. Zum Straßenbild auch in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem gehören die Autos aus Wolfsburg längst mit dazu.

Die Hochschulen Israels genießen weltweit höchstes Ansehen. Aus gutem Grund pflegen deshalb niedersächsische Hochschulen eine Zusammenarbeit mit Universitäten in Israel. So wurden seit 1977 annähernd 300 wissenschaftliche Projekte niedersächsischer Wissenschaftler mit ihren Kollegen an wissenschaftlichen Einrichtungen in Israel, insbesondere mit den Universitäten von Jerusalem und dem Technion in Haifa, gefördert. Der wissenschaftliche Austausch zwischen Israel und Niedersachsen hat damit eine ganz besondere Intensität erreicht.

Und einen weiteren Besucher Israels will ich heute ebenfalls nicht vergessen. Unsere Fregatte “Niedersachsen” war im April 2008 im Rahmen eines NATO-Flottenverbandes für vier Tage zu Gast im israelischen Haifa. Noch vor 40 Jahren wäre ein solcher Besuch dort vollkommen undenkbar gewesen.

Das alles dokumentiert, dass zwischen unseren Ländern heute vieles auf gutem Wege ist. Gemeinsam sollten wir aber daran arbeiten, diese intensive Partnerschaft fortzuentwickeln. Dabei ist der Jugendaustausch ganz zweifellos von besonderer Bedeutung.

Das wird die deutsch-israelischen Beziehungen auf vielen Gebieten weiter stärken und zukunftsfest machen und uns darüber hinaus helfen, auch über schwierige Themen die notwendigen Diskussionen in freundschaftlicher und vertrauensvoller Offenheit zu führen.

Auch in Zukunft wird Deutschland, wird Niedersachsen fest an der Seite Israels stehen als ein treuer und verlässlicher Partner und Freund.

Dabei hoffe ich – wie bisher – auch auf die Unterstützung durch die Deutsch-Israelische Gesellschaft, als solider Bewahrer jüdischer Kultur in Deutschland und als aktives Bindeglied zu Israel und seinen Menschen.

Deshalb nochmals herzlich Willkommen hier im Leineschloss und in Hannover. Ich wünsche Ihrer Tagung einen ergebnisreichen Verlauf, Ihnen alles Gute, Glück und Gesundheit und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft weiterhin gutes Gedeihen.

 

 

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