DIG-Hannover zu Besuch bei Ulrich Sahm in Jerusalem

Wie das bei Korrespondenten nun einmal ist, erhielt die Gruppe erst einmal ein brühwarmes Gericht aufgetischt, nämlich das Allerneueste und in diesem Fall vielleicht eher das „Allerletzte“. Günter Grass hatte ein Gedicht veröffentlicht….

Dann gingen wir über zu den wirklich wichtigen Dingen des Lebens. Die Gruppe war nämlich zum Essen gekommen. Dachte sie. Denn Sahm erklärte erst einmal, wenige Tage vor Ostern, dass doch Fasten das höchste aller Gefühle der ach so frommen Menschen in diesem Heiligen Land sei. Lauter Unmut kam auf… Doch Sahm erklärte, dass bei Christen, Juden und Moslems – welch Glück und Wonne – das Fast auch immer mit Schlemmern verknüpft ist.

Also reichte Sahm einem Teilnehmer eine Ramadan-Trompete, damit der mit schrecklich falschen Tönen das Zeichen zum Essen geben möge.

Es begann mit dem Fasten- Brechen – Essen sephardischer Juden, 1492 aus Spanien vertrieben. Ein Toast mit Olivenöl und „Zaatar“, ein typisch orientalisches Kräutergemisch auf der Basis von Ysop. (Jesus erhielt den Schwamm mit Essig am Kreuz mit einer „Stange aus Ysop“ gereicht.) Sahm erzählte dazu schnell einen geschmacklosen Witz und ging gleich zur großen Politik über, nämlich dem „Kern des Nahostkonflikts“. Dazu hielt er eine echte Kichererbse hoch. Denn es geht weder um Land, Religion oder Politik, sondern vor allem um die „Ehre“. Kurz: Die Palästinenser haben den Humus (Kichererbsenbrei) erfunden und zur Nationalspeise erhoben. Dann kamen die Juden, fanden den Humus köstlich, stellten ihn industriell her und verkauften ihn als „israelische Nationalspeise“. Die Palästinenser rannten zur UNO, zur Welternährungsorganisation, wollten sich „ihren“ Humus patentieren lassen, blitzten wie üblich ab, und waren ebenso wie üblich in tiefster Seele beleidigt. Die Araber im Libanon wollten im Humus-Krieg ein Zeichen setzten, produzierten eine Tonne Brei und erhielten eine Eintragung bei Guinness. Die Israelis griffen diese Fehde auf. In Abu Gosch liehen sie sich eine Satellitenschüssel aus und füllten sie mit zwei Tonnen Humus. Um mit Grass zu reden: Da sieht man mal wieder, wie die Israelis die größte Gefahr für den Weltfrieden sind.

Derweil konnte Sahm sich nicht verkneifen, dass er doch mütterlicherseits eigentlich aus dem Hannöverschen stamme. Allgemeines Staunen in der Gruppe. Nun ja. Sein Urgroßvater war noch Baron in Hastenbeck bei Hameln und sein Großonkel stammt aus Bodenwerder. Allgemeines Gelächter….

Sahm behauptete dann, dass sein selbst hergestellter Humus noch besser sei als der Palästinenser oder Israelis. Zum Beweis hatte er eine große Schüssel mit bio-organischem Selbstportrait bereitet, hoch gehalten und erklärt: „Fotografieren ist erlaubt“.

Stundenlang erklärte Sahm dann, was „Koscher“ bedeutet, und fragte die Gruppe anzüglich, wie denn das „erste Gebot“ in der Bibel laute. Tja: Seid fruchtbar und mehret Euch, und nicht etwa „Du sollst nicht ehebrechen“ oder ähnliches. Dann behauptete Sahm aufgrund rabbinischer Quellen, dass das Huhn kein Fleisch habe, weil seine Mutter keine Milch habe. Und völlig lächerlich machte er sich mit der Behauptung, stinkende weiße Steine bei einer 3000 Jahre alten Ausgrabungsstätte aufgehoben und mitgenommen haben zu lassen. Tatsächlich stanken seine weißen Steine aus getrockneter Ziegenmilch, die er zum Riechen rumgehen ließ, und hätten tatsächlich 3000 Jahre alt sein können. Ein kurzer Hinweis auf seine Gene – die des Barons Münchhausen – bewahrten ihn davor, für völlig unseriös gehalten zu werden.

Was es an dem Abend gab, ist hier einzusehen. Den Leuten hat es jedenfalls geschmeckt. Es gab nicht einen Bur unter ihnen, der nit fret, wat er nit kennt. Maischberger Salat und dann noch Mousse au Chocolat.

Das allerwichtigste war natürlich dann ich höchst ernsthafte Diskussion zur politischen Lage.

Zu den üblichen Schlagworten gehörten Frieden, Lösung, Siedlungen, Palästinenser und Iran.

In Kürze hier einige der Kommentare Sahms:

  1. Frieden: Frieden? Wieso sind eigentlich die Europäer unfähig zu einem formalen Frieden nach Weltkrieg II, glauben aber, von anderen Völkern, etwa in Nahost, derartiges fordern zu dürfen? So wie es in Europa halt tolle „friedliche Verhältnisse“ auch ohne Frieden gibt, gibt es die seit 4 Jahren auch zwischen Israel und dem Westjordanland (und letztlich sogar zwischen Israel und Syrien!) Und wer glaubt, den Menschen in Nahost „Vorschriften“ machen zu können, in der Form von Floskeln wie „Land für Frieden“ oder „Zwei-Staaten-Lösung“, ohne aber die Verantwortung zu übernehmen, wenn mal etwas schief geht, weil dieses oder jenes Detail nicht bedacht worden ist, der kann nicht als aufrichtig betrachtet werden. Grundsätzlich sollte man es den Menschen in Nahost überlassen, ob und wie sie ihr Zusammenleben gestalten wollen. Zu jedem Lösungsvorschlag könnte Sahm mindestens hundert wohlbegründete Einwände hervorbringen, was nicht mit Pessimismus gleichzusetzen ist, sondern eher mit Realismus. Die Region ist sehr dynamisch, siehe Syrien oder Ägypten, mit dem nun schon 30 Jahre ein kalter Frieden hält, der jetzt aber fraglich werden könnte, während Israel ausgerechnet mit dem feindseligen Syrien über die ruhigste Grenze überhaupt verfügt.
  2. Zwei-Staaten-Lösung: Bei genauem Hinschauen sind es heute allein die Israelis, die an dieser Lösung wirklich interessiert wären, vor allem, um die jüdische Mehrheit in ihrem Land zu wahren. Solange aber Israelis und Palästinenser Forderungen aufstellen, die mal die eine, mal die andere Seite partout nicht akzeptieren kann (Siedlungen, Rückkehrrecht für 5,5 Millionen  pal. Flüchtlinge nach Israel, Entmilitarisierung, Spaltung der Palästinenser, Jerusalem und vieles mehr), ist ein Abkommen nicht in Sicht. Also arrangiert man sich, zum Beispiel mit einer gemeinsamen Währung ähnlich wie in Europa.
  3. Siedlungen: Das Thema ist sehr vielschichtig und lässt sich nicht mit dem relativ neuen „völkerrechtlich illegal“ als juristisches Problem abtun. Deren Entstehung hängt auch mit der arabischen Weigerung zusammen, mit Israel (damals) über Frieden zu reden. Es gibt Sicherheitsfragen und ideologische Argumente auf beiden Seiten. Angesicht der zahlreichen anderen Probleme im Nahen Osten klingt es völlig übertrieben, allein die Siedlungen als Haupthindernis für einen Frieden in Nahost zu halten, zumal Israel schon zweimal 1982 und 2005 gezeigt hat, dass es durchaus fähig ist, Siedlungen auch zu räumen.
  4. Die Palästinenser befinden sich wegen der Spaltung in Hamas und Fatah, Westjordanland und Gaza in einer ziemlichen Zwickmühle. Wegen des Wahlsiegs der Moslembrüder in Ägypten wird die Hamas jetzt am kurzen Zügel gehalten! Das Hamas-Bündnis mit Iran zerbricht. Die arabische Welt ist mit sich selber beschäftigt, weshalb die Palästinenser in schwere Finanznöte geraten sind.
  5. Iran: Die Drohungen des Iran gegen Israel, das Atomprogramm, die Zentrifugen und das demonstrative Testen von Trägerraketen bedeuten für Israel eine unerträgliche Gefahr. Deshalb übt Israel seit etwa 15 Jahren erheblichen diplomatischen Druck auf die USA und andere Länder aus, Iran zu stoppen. Mit Erfolg, siehe Sanktionen. Sahm hält einen israelischen Militärschlag gegen Iran, wie er seit mindestens 6 Jahren in den europäischen Medien in unverantwortlicher Weise und ohne echte Grundlage herbeispekuliert wird, für unwahrscheinlich, teilweise aus rein praktischen Gründen (feindliche Länder auf dem Weg und zu große Entfernung). Die Amerikaner zusammen mit arabischen Staaten hätten viel bessere Möglichkeiten und ohnehin ein viel größeres und unmittelbares Interesse daran.

http://www.n-tv.de/politik/dossier/Eine-Raeuberpistole-article207060.html

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