Die Delfin-Therapie

Wenn Hetze schneller ist als objektive Informationen über Israels Politik, wenn die ‚Empfänger’ dieser Hetze Deutschlands Geschichte auf ‚ungesunde’ Art bewältigen, dann trifft Propaganda auf fruchtbaren Boden, meint die Autorin Melody Sucharewicz in der Jerusalem Post.

Melody Sucharewicz (Foto: Metin Cherasi)

Melody Sucharewicz (Foto: Metin Cherasi)

Delfine sind eine einzigartige Spezies: Ihre Intelligenz, ihre Verspieltheit, ihr freundliches Lächeln – ihr bloßer Anblick erwärmt unsere Herzen. So sehr, dass sie schon längst eingesetzt werden um Krankheiten wie Autismus und Blindheit zu heilen.

Kein wunder also, dass Delfine – wenn auch eine besondere Art, mit anderen Fähigkeiten – jetzt dabei helfen könnten, eine sozio-politische Version von Autismus und Blindheit zu heilen. Und zwar jene, die im Herzen deutsch-israelischer Beziehungen gedeiht und dringend therapiert werden muss.

Nur nominal verwandt mit den wahren „Engel der Meere“ geht es hier um die U-Boote vom Typ 800 der‚Dolphin-Klasse’ die von der HDW in Kiel in Kooperation mit den Nordseewerken in Emden für die Israelische Marine gebaut werden. Vergangenen März wurde ein sechstes an Israel verkauft, finanziert wird der Bau zu einem Drittel von Deutschland. Mit der Unterschrift von Thomas de Maizière unter dem Abkommen hat die deutsche Regierung bewiesen, dass das Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Knesset Rede 2008, Israels Sicherheit sei deutsche Staatsräson, mehr als eine symbolische Geste war.

Abgesehen von diesem strategischen Meilenstein gibt es im letzten Jahrzehnt einen wachsenden Trend an politischer Wärme und fruchtbarem Austausch zwischen beiden Ländern. Der Begriff ‚Normalisierung’ schmückt die meisten offiziellen Reden und ‘Freundschaft’ gehört zum deutsch-israelischen Vokabular wie ‚Change’ zu dem von US Präsident Barack Obama.

Warum dann die Rede von sozio-politischem Autismus und Blindheit? Während die politischen Beziehungen zwischen Merkels und Netanyahus Regierungen positiv und stark sind – genug um gelegentliche Spannungen zu überwinden – liegt das Problem auf der deutschen Straße. Autismus und Blindheit sind eine treffende Beschreibung für die Reaktion derjenigen, die die Mittel hätten, die Situation zu ändern – die politische Elite. Viele Debatten, Kommissionen und Slogans, wenig Kreativität, Strategie und Aktion.

Zurück zur Straße: Laut der jüngsten Stern Umfrage empfinden 59 Prozent der Deutschen den Staat Israel als aggressiv. 57 Prozent meinen, Israel führe einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser und nur 21 Prozent glauben, dass Israel Menschenrechte respektiert. Der Trend: negativ.

Auf diese und ähnlich schockierende Zahlen zur Wahrnehmung Israels in Deutschland folgte eine Welle von Erklärungsversuchen, unter anderem von israelischen Publizisten und Bloggern. Manche nennen es eine neue Form von Antisemitismus. Andere behaupten: „Es sind die Siedlungen, Dummkopf“, wie Carlo Strenger in seinem Haaretz Artikel in Anspielung auf das berühmte Bill-Clinton-Zitat „Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf“ behauptete.

Dumm ist es in der Tat. Aber es sind weder die Siedlungen, noch ist es der Antisemitismus alleine.

Viele Deutsche kritisieren Israels Siedlungspolitik und befinden sich trotzdem außerhalb der oben genannten Statistik. Sie begründen ihre Kritik auf faktische – wenn auch streitbare – Argumente. Sie erheben den Siedlungszeigefinger nicht ohne den Kontext, durch den sie entstanden sind, im Gedächtnis zu haben. Sie wissen, dass Siedlungen widerruflich sind – das hat Ariel Sharon 2005 in Gaza bewiesen, im Gegensatz zur systematischen Aufhetzung palästinensischer Kinder gegen Israel und Juden durch die palästinensische Autonomiebehörde.

Die Kritik an Israel ist bei diesen Deutschen keine Obsession: weder werden sie blind noch taub bei Fakten, die ihrer Überzeugung widersprechen oder bei Weltereignissen, die sich außerhalb Israels abspielen.

Wer schon? Die „anderen“ Kritiker, zum Beispiel der Bürgermeister von Jena, der malerischen Universitätsstadt im Osten Deutschlands. Nur drei Tage nach dem Hula-Massaker, bei dem das syrischen Regime 108 Zivilisten inklusive 30 Kinder abschlachtete, schmiss dieser sein öffentliches Gewicht hinter einen Aufruf zum Israel-Boykott durch die katholische Organisation Pax Christi.

Die heilige Causa: Unschuldige deutsche Bürger sollten davor bewahrt werden, ein Verbrechen gegen die Menschheit zu begehen, in dem sie Bananen aus der besetzten Westbank kaufen. Um auf der moralisch sicheren Seite zu sein, sollten gute Bürger lieber gar nicht vom jüdischen Staat kaufen. Ein heldenhafter Kampf für Frieden und Gerechtigkeit – während die verstümmelten Körper von Houla noch warm waren.

Hinter diesem Trend verbirgt sich ein Cocktail aus Problemen, deren Heilung eine ganze Armee von Delfinen bräuchte: ein selektiver Zwang zum politischen Aktivismus, wenn es um Israel und die Juden geht, ausgelöst durch eine Mischung aus (sekundären) Schuldkomplexen, ungeschickter oder mangelnder Geschichtserziehung und Frustration durch ein subjektiv empfundenes Täter-Stigma, um nur ein paar der Zutaten zu nennen.

Die zuständigen Sozialisierungsagenten bieten kaum die nötigen Impulse um daraus einen verträglichen Cocktail zu mixen. Viele Lehrer überspringen das Thema Israel aus Angst, ihre muslimischen Schüler zu verärgern. Viele unterrichten tollpatschig über den Holocaust, aus Angst die Schüler zu langweilen.

Hinzu kommt der Mangel an objektiven Informationen über Israel, seine Politik und seine Bevölkerung – ein Informationsvakuum, das mit subtiler oder unverblümter Hetze von Medien und Interessensorganisationen aufgefüllt wird. Was natürlich nicht die alleinige Verantwortung der deutschen Regierung ist. Eine professionellere, aktivere und geschliffenere Informationspolitik Israels wäre hilfreich.

Die Physik verrät uns: Schallwellen haben keine Chance im Vakuum. Soundbites dafür umso mehr. Die werden produziert und proaktiv verbreitet, in der Regel von denen, die in ihren Ressentiments gegenüber Israel aufgehen, und denen, die saftige anti-israelische Propaganda liefern – mit Hilfe einer gut geölten Maschinerie in der arabischen Welt.

Wenn Hetze schneller ist als objektive Informationen über Israels Politik, wenn die ‚Empfänger’ dieser Hetze Deutschlands Geschichte auf ‚ungesunde’ Art bewältigen, dann trifft Propaganda auf fruchtbaren Boden

Die anti-israelische Brise im Vaterland fühlend, sowie eine Berufung, die nur ein zum Linksradikalen gewandelter ehemaliger SS-Mann fühlen kann, verpasste Nobelpreis-Träger Günter Grass den Israelhassern kürzlich ein goldenes Legitimiationssiegel. Sein Meisterwerk der Hetze gegen Israel und gegen die deutsch-israelischen Beziehungen offenbart jenen tödlichen Cocktail.

In seinem Meinungsartikel – alias Gedicht – „entpuppte“ Grass Israel als größte Gefahr für den Weltfrieden. Nicht das iranische Ayatolla-Regime, nicht Nordkorea, nicht Pakistan, sondern Israel. Er warf Deutschland vor mit Hilfe seiner U-Boote der Dolphin-Klasse Israel dabei zu helfen, das iranische Volk auszulöschen.

Grund für seinen Aufschrei: Israel müsse daran gehindert werden, der unmenschliche Täter zu werden, der Deutschland einst war. Nach einem internationalen Tsunami von Publikationen und Debatten über das Gedicht, ist die Grass Affäre vorüber. Der Flaschengeist aber, den sie freigesetzt hat, geht gerade erst an die Arbeit.

Solche, die vorher Vergleiche von Israel mit dem Dritten Reich nur hinter vorgehaltener Hand wagten, die das Unwort‚Auschwitz-Keule’ nur leise flüsterten, die sehen sich nun mehr als je zuvor gezwungen, die Welt vor Israels ‚Aggressionen’ zu bewahren.

Diese neue Qualität des öffentlichen Israel-Diskurses ignoriert geopolitische und historische Fakten. Alte Slogans der Linken, die die Gefahren Konstellation im Nahen Osten auf den Kopf drehen, werden recycelt. Und man übt sich in sekundärem Antisemitismus indem Israel mit Holocaust-Vokabular und -Szenarien beworfen wird.

Die Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, das im letzten Monat über den deutsch-israelischen U-Boot-Handel berichtete, offenbart die Früchte des Grass’schen Genie-Streichs. Die Kapazität des Delfins, atomare Sprengköpfe zu tragen, wurde als sensationelle Enthüllung inszeniert, obwohl es schon seit Jahren öffentlich bekannt ist. Warum riskiert der Spiegel seinen Ruf, seriösen Journalismus zu produzieren? Weil sich Skandale besser verkaufen – vor allem wenn es um Israel geht.

Ebenso wie die Pseudo-Moral der Autoren: „Darf Deutschland, das Land der Täter, Israel, dem Land der Opfer, beim Aufbau einer Atomwaffenstreitmacht helfen, die geeignet ist, Hunderttausende Menschenleben auszulöschen?“, fragen sie. Der Subtext ist klar: Israel hat vor, das iranische Volk auszulöschen und ist somit das neue Dritte Reich. Die Botschaft: Israel sollte auf die Fähigkeit verzichten seine Existenz zu verteidigen – Deutschlands moralischer Reinheit zu Liebe.

Wie gut diese Version der Realität bei den Lesern mitschwingt, präsentierte der Spiegel in der nächsten Ausgabe mit einer Auswahl an Leserbriefen inklusive folgender Statements: „Ich Schäme mich…von Leuten regiert zu werden, die sich von Israel erpressen lassen.“ Und „Wer U-Boote mit Kernwaffen bestückt, will sie auch abschicken. So kommen wir der Wahrheit und Grass immer näher.“

Proportional zu den aktuellen Umfragen auf der Straße, druckte der Spiegel neun der Leserbriefe ab, die von Grass selbst kommen könnten, während drei sich ausgewogen bis freundlich gegenüber Israel äußern.

Der ‘Delfin’ ist ein Weckruf. Eine Gelegenheit für die Regierung, die Freundschaft mit Israel durch eine Strategie zu sichern, die ausgerüstet ist diesen Trend umzukehren. Ein Trend, der nicht nur die Zukunft deutsch-israelischer Beziehungen gefährdet, sondern auch die Zukunft Deutschlands sozio-politischer Substanz.

Abgesehen von dem Aspekt der ‚besonderen Verantwortung’, die beim Delfin-Geschäft sicher eine Rolle gespielt hat, die Menschen auf der Straße momentan aber nicht interessiert, müssen Deutsche verstehen, dass die ballistischen Raketen der Ayatollahs auch eine Bedrohung für Europa sind; dass die apokalyptischen Vernichtungsdrohungen Ahmadienjads und des radikalen Islams gegenüber Israel, dieselben sind, wie dem Westen gegenüber – inklusive Deutschland; dass die Freundschaft mit Israel auf strategischen Interessen und gemeinsamen Werten wie Freiheit und Demokratie basiert, und nicht auf Schuld.

In einer Zeit, in der Facebook Geschichtsbücher verdrängt und sich fabrizierte Soundbites in Lichtgeschwindigkeit verbreiten, sollte die politische Elite in Deutschland – gemeinsam mit ihren israelischen Pendants und den jüdischen Gemeinden – eine kreative Strategie entwickeln, die die Erziehung der jungen Generation ins Visier nimmt. Wenn die Aufklärung der Jugend über Deutschlands Beziehung mit Israel Menschen wie Günter Grass oder dem Jenaer Bürgermeister überlassen wird, wenn dieses Vakuum nicht bald mit kompetenter Information über die Realität und die Werte, die diese Bindung ausmachen, gefüllt wird, sollte der Stern die Ergebnisse künftiger Umfragen besser nicht veröffentlichen – auch aus Rücksicht auf Überlebende und die gesunden Überreste der Straße.

Die Autorin ist eine politische Beraterin für Kommunikation und Strategie in Israel und Deutschland. 2006 war sie Israels Kulturbotschafterin. Der Artikel ist in englischer Sprache im Magazin der Jerusalem Post erschienen.

One thought on “Die Delfin-Therapie

  • 26. Juli 2012 um 11:03
    Permalink

    Thank you, Melody, for a most interesting and to the point read. I took the liberty of posting it on my facebook page in both English and German.

    Antwort

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>