Dankesrede von Iris Berben

Mit einer feinsinnigen Rede hat sich die Schauspielerin Iris Berben für die Verleihung des Theodor-Lessing-Preises bedankt. Wir haben die komplette Rede hier online gestellt.

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Sehr geehrte Damen und Herren,

werte Gäste der Deutsch-Israelischen Gesellschaft,

sehr geehrter Herr Bürgermeister,

sehr geehrter Herr Schweigmann-Greve

liebe Esther Shapira, liebe Freunde,

 

“Alles das, woran ich auf Erden gelitten habe und was mir am Menschen böswillig und gehässig erschien, brüchig und gemein, machtwillig oder eitel, alles das begegnete mir auf meinem Lebenswege stets im Gewande der Ideale.
- Im Gewande der Wahrheit: die Lüge.
- Im Gewande der Logik: der Irrsinn.
- Im Gewandes des Rechtes: jegliches Unrecht.
- Im Gewande der Vaterlandsliebe: alles die Heimat Entehrende.
- Im Gewande des Menschheitsfortschritts: alles den Menschen Entwürdigende.
Und nie sah ich eine geschichtliche Niedertracht, nie eine wirkliche Abscheulichkeit, die nicht geübt wurde im Namen irgendeines Ideals.”

 

Sie kennen dieses Zitat, natürlich. Und Sie kennen seinen Urheber. Viel besser, als ich ihn kannte, als ich von der Nachricht überrascht wurde, dass ich mit dem Preis geehrt werden soll, der den Namen Theodor Lessings trägt. Ich bekomme also diese Nachricht, freue mich, beginne nachzulesen. Ich stoße auf dieses Zitat und komme ins Grübeln: Brauchen wir nicht Ideale, gerade hier und heute? Brauchen wir sie nicht gerade, um uns zu engagieren? Um uns einzusetzen – für die Verständigung mit Israel, gegen das Vergessen? Wird nicht allenthalben Klage darüber geführt, dass unserer Gesellschaft die Ideale abhanden gekommen sind?

Ja – da saß ich nun mit meinem Lessing-Zitat. Und ich war mir auf einmal gar nicht mehr so sicher… Und wie das so ist, wenn Sicherheiten verblassen – man schaltet den eigenen Kopf ein, beginnt nachzudenken, sich zu erinnern. Erinnert man sich an Ideale, die einem irgendwann einmal irgendwer mit Worten schmackhaft zu machen versucht hat? Nein, daran erinnerte ich mich nicht. Ich erinnerte mich an Menschen. An Menschen, denen ich bei der Arbeit an meinem Buch „Frauen bewegen die Welt“ begegnet bin. Ihnen allen war etwas gemeinsam: Sie hissten nicht als erstes die Flagge, auf der in riesigen Lettern das Wort „Ideal“ geschrieben stand. Sondern sie handelten. Sie handelten, weil sie es für nötig und oft genug, ja, für selbstverständlich hielten. So wie Nicole Lüdeking und Jana Böttner. Die beiden jungen Frauen kamen nachts aus einer Diskothek in Brandenburg und wurden Zeuginnen, wie ein junger Kenianer von zwei Deutschen verprügelt wurde. Sie griffen ein und retteten das Opfer. „Das war doch keine große Geschichte“, sagt Nicole Lüdeking heute, wenn man sie darauf anspricht. „Das war selbstverständlich, eine Geste der Menschlichkeit, jeder andere hätte das auch getan.“ Jeder andere? Wirklich? Ach, ich wünsche mir so, dass Nicole Lüdeking Recht hat. Übrigens glaube ich mich da in guter Gesellschaft mit demjenigen, den wir gemeinsam heute Abend ehren. „Der liebt niemanden, der nur seinesgleichen liebt“, hat Theodor Lessing geschrieben.

Da hätten wir doch schon zwei Ideale, werden Sie jetzt sagen: Nächstenliebe und Zivilcourage. Natürlich. Und wir dürfen und müssen uns freuen über jeden Menschen, der diese Ideale lebt. Und doch: Am Anfang ist nicht das Wort. Am Anfang ist auch nicht der Aktionismus, dass wir uns da nicht falsch verstehen. Am Anfang ist das Hinschauen. Denn nur, wenn wir hinschauen, wenn wir uns nicht wegdrehen, wenn wir – wie in der Initiative, die ich so gerne unterstütze und die diesen Namen trägt – „Gesicht zeigen“: Nur dann werden wir erkennen können, wo Hilfe gebraucht wird. Wo wir gebraucht werden.

Das sagt Theodor Lessing mir mit seiner Skepsis gegenüber Idealen. Kristina Bullert ist auch so eine Frau, die das vorlebt. Erlauben Sie mir, dass ich auch ihre Geschichte Ihnen kurz erzähle. Kristina Bullert ist Lehrerin in Sachsen-Anhalt. Sie erlebte zur Wendezeit, wie das ist mit vorgeblichen Idealen, die gepredigt und verordnet und zur absoluten Wahrheit gemacht werden. Welch kurze Halbwertszeit solche Ideale haben. Und wie sie in ihr Gegenteil umschlagen können. Wie schnell staatlich verordneter Antifaschismus durch rechte Gewalt ersetzt werden kann. Was tun in einer solchen Zeit? Resignieren? Verurteilen? Wegschauen? Kristina Bullert macht das Gegenteil. Sie engagiert sich, schaut hin und vertraut den Jugendlichen, ihren Schülern. Gemeinsam beginnen sie, die Geschichte ihres Ortes in der NS-Zeit zu erforschen und aufzuarbeiten. Das Projekt ist ein Erfolg, in jeder Hinsicht.

„Toleranz und Ehrlichkeit“, sagt Kristina Bullert, wenn man sie fragt, prägen das Verhältnis zwischen ihr und ihren Schülern. Toleranz und Ehrlichkeit – wieder zwei Ideale. Gelebt, nicht gefordert. Nächstenliebe und Zivilcourage, Toleranz und Ehrlichkeit. Finden Sie nicht: Das sind schon ziemlich viele – und wichtige! – Ideale? Vor allem an einem Abend, der der Erinnerung an einen Mann gewidmet ist, der sich so skeptisch gegenüber Idealen geäußert hat. Falsche Veranstaltung also? Nein, genau die richtige Veranstaltung. Denn Theodor Lessing lebte diese Ideale selbst. Doch er erkannte, früher vielleicht als andere, welcher Missbrauch, welches Schindluder mit behaupteten Idealen getrieben werden kann. Was sich hinter ihrer Maskerade eben auch verstecken kann…

„Die heutige Jugend hat keine Ideale.“ Diesen Satz haben wir doch alle schon gehört. Und haben wir nicht manchmal sogar insgeheim dazu genickt? Ich würde Ihnen gerne noch eine kleine Geschichte erzählen. Sie spielt in Dachau, wo ich kürzlich eine Rede hielt. Dachau – einer jener Ortsnamen, die zum Synonym für das Terrorsystem der Konzentrationslager geworden sind. Dort führen noch immer Zeitzeugen, Überlebende des braunen Terrors, alte Männer inzwischen, Besuchergruppen durch die Gedenkstätte. Wie lange werden sie das noch können? Was passiert dann mit der Erinnerung? Wird sie endgültig verblassen? Und jetzt passiert das Wunderbare. Junge Menschen, Schüler meist noch, übernehmen den Staffelstab. Man hat mir erzählt, wie sich diese Jugendlichen engagieren. Wie sie sich Gedanken machen über die Zukunft des Gedenkens. Sie sehen den Ort des Schreckens mit ihren ganz eigenen Augen und haben diesen Blick in einer Fotoausstellung dokumentiert, die demnächst sogar im bayerischen Landtag zu sehen sein wird. Und sehen Sie: Genau deshalb schaue ich so hoffnungsfroh in die Zukunft. Weil es Menschen gibt wie Kristina Bullert, wie Nicole Lüdeking und Jana Böttner, wie die Schülerinnen und Schüler aus Dachau. Und wie so viele andere Menschen, die ihr Gesicht zeigen und sich engagieren – gegen braunen Ungeist, für Freundschaft mit Israel, für die Freiheit des Denkens. Dass Sie unter all diesen Menschen in diesem Jahr mich ausgewählt haben, um mich mit dem Theodor-Lessing-Preis auszuzeichnen, erfüllt mich mit großer Freude.

„Nun aber wird Geschichte bekanntlich nur von Überlebenden geschrieben. Die Toten sind stumm“, hat Teodor Lessing geschrieben. Erlauben Sie mir, dass ich ihm dieses eine Mal, nur dieses eine Mal widerspreche. Menschen wie Theodor Lessing haben nicht nur Geschichte geschrieben – sie zeigen uns auch, wie eine gute, freie, demokratische Zukunft aussehen kann. Ja, es gibt sie, die Menschen, die solchen Vorbildern nacheifern. Die nicht die Fahne der großen Ideale schwenken müssen, sondern die einfach hinschauen, wo sie gebraucht werden. Und die handeln, weil sie gebraucht werden. Dass ich an einem Abend, der diesem Vermächtnis Theodor Lessings gewidmet ist, bei Ihnen sein darf und zu Ihnen sprechen durfte, ist eine große Ehre für mich.

Ich danke Ihnen.

 

 

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