Stolpersteine für Hannover 2013

Am gestrigen Tage  wurden von dem Kölner Künstler Gunter Demnig weitere dreißig Stolpersteine in Hannover verlegt, so dass nunmehr 270 kleine Gedenksteine im Stadtgebiet verteilt sind.

Diese Idee von Gunter Demnig wurde von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Hannover initiiert und  wird vom Projekt Erinnerungskultur der Stadt Hannover mit großem Engagement und Professionalität ausgeführt.

Erfreulicherweise konnten auch diese Stolpersteine wieder von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt finanziert werden wofür wir uns ganz herzlich bei ihnen bedanken! Die nächsten Stolpersteine, die 2014 verlegt werden sollen, sind allerdings finanziell noch nicht gesichert, wir benötigen dafür weitere Spenden. Wir freuen uns auch über viele kleine Beträge, um die Kosten nur eines Steines von 120,00 € für das Herstellen einschließlich des Verlegens durch Gunter Demnig bezahlen zu können. Wer sich beteiligen möchte kann  unter info@dig-hannover.de Kontakt aufnehmen.

Folgend einmal exemplarisch der Lebensweg einzelner Mitglieder der Familie Steinberg, erarbeitet von Prof. Steinberg, zur Verlegung der Stolpersteine:

Paul Steinberg, 1873 in Neustadt am Rübenberge geboren, absolvierte im Kaufhaus Sternheim & Emmanuel eine dreijährige Kaufmannslehre. Nach seiner Militärzeit und einer Tätigkeit als Vertreter für eine Textilgroßhandlung kehrte er als Prokurist ins Kaufhaus Sternheim & Emmanuel zurück und wurde 1907 von Sternheim zum Teilhaber ernannt. Privat hatte er Lilly Leser, Tochter des Hamburger Warenhausbesitzers Siegfried Leser, geheiratet. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor, Ellen, Bernhard und mein Vater Kurt. Alle fünf wohnten bis Ende der 30iger Jahre in der Walderseestraße 29 in Hannover. Sie mussten flüchten und emigrierten nach Argentinien.

Ellen Steinberg heiratete in Buenos Aires Rudolph Haas, der auch aus Deutschland emigrieren musste; ihre Ehe blieb kinderlos. Bernhard Steinberg heiratete Tante Lore, die aus Deutschland flüchten musste; sie bekamen zwei Töchter, Viviana und Irene. Mein Vater Kurt heiratete Ruth Korona; aus dieser Ehe stammen mein Bruder Marcelo und ich. Beruflich ist zu sagen: Ellen blieb zu Hause, ihr Mann Rudolph Haas war Importeur von Textilien; Bernhard und Lore hatten einen kleinen Herrenausstattungsgeschäft, den es heute nicht mehr gibt; mein Vater Kurt war Elektrotechniker und arbeitete als solcher in den Stadtwerken von Buenos Aires, während meine Mutter Krankenschwester war und in späteren Jahren Englisch-Lehrerin wurde. Von allen oben genannten Personen leben heute in Buenos Aires meine Cousinen Viviana und Irene sowie meine Mutter Ruth Steinberg und mein Bruder Marcelo; alle anderen oben genannten Mitglieder meiner Familie lebten bis zu ihrem Tod in Buenos Aires.

Für uns, meine Mutter Ruth Steinberg, Ehefrau von Kurt Steinberg, meinen Bruder Marcelo und mich, sowie für unsere Cousinen Viviana Saginur und Irene Schreck, die Töchter von Bernhard Steinberg, stellen diese fünf Stolpersteine einen versöhnlichen Abschluss für einen Teil unserer Familiengeschichte sowie ein Zeichen gegen das Vergessen dar – nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Pablo Steinberg                                                                    Hannover, im September 2013

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Hannover bekommt 65 neue Stolpersteine

Insgesamt 65 neue Stolpersteine verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig vor zwei nebeneinander stehenden Häusern in Hannover in der Wißmannstraße 11 und 13 auf Initiative der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, AG Hannover und unter organisatorischem Mitwirken der Stadt Hannover. Eine solch große Zahl dieser kleinen Mahnmale, sagte Gunter Demnig, hat er bis lang in seinem über 10-jährigen Wirken in solcher Dichte noch nie verlegt. Die zwei Gebäude wurden von der jüdischen Simonschen Stiftung noch 1936 bezugsfertig erstellt, entsprachen dem damaligen modernsten Standard der Wohnqualität und wurden ausschließlich von Deutschen jüdischen Glaubens bewohnt.

Oberbürgermeister Stephan Weil, Ruth Gröne und Gunter Demnig zeigen den zahlreichen Besuchern und den anwesenden Medien die zu verlegenden Stolpersteine
Etwa 150 Menschen fanden hier ihren letzten freiwillig gewählten Wohnort, von denen 65 von den Nationalsozialisten ermordet wurden oder freiwillig aus dem Leben geschieden sind. „Es war die glücklichste Zeit meines Lebens“ berichtete Ruth Gröne, geb. Kleeberg, den in großer Zahl anwesenden Bürgerrinnen und Bürgern und mit starker Beteiligung der Medien. Sie ist die einzige noch lebende ehemalige Bewohnerin des Hauses Nr. 11 und erlebte dort als Tochter einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters den ständig wachsenden Terror des Nazi-Regimes. „Ich erinnere mich an die großen schwarzen Stiefel“, das waren vermutlich SA-Männer, die am 10. November 1938 die Wohnungen der Häuser durchsuchten. „Ich war noch so klein und habe deshalb nur ihre großen, langen schwarzen Stiefel gesehen, die auch deshalb so beängstigend wirkten, weil sie mit denen so laut auftraten.“ An diesem Tage veränderte sich ihr Leben dramatisch. „Wir dürfen nicht mehr mit dir spielen, unsere Eltern haben das verboten, du bist ein Judenkind!“ hörte sie von ihren besten Freundinnen, denn „bis dahin hatte die Tatsache, dass ich ein jüdisches Mädchen war, keine Rolle gespielt.“

Der Hannoversche Oberbürgermeister Stephan Weil war, wie alle Zuhörenden, beeindruckt von den in ruhigem, gefastem Ton vorgetragenen erschütternden Erlebnissen von Ruth Gröne. Stephan Weil hob beson-ders die gute, konstruktive Zusammenarbeit von DIG Hannover und Stadtverwaltung hervor und betonte, dass dies ein Tag der Erinnerung und der Mahnung sei. „Aus vielen kleinen Stolpersteinen ist ein großes Mahnmal geworden“, sagte Weil weiter. Er bedankte sich bei den Schülerinnen und Schülern der Klasse 10 V der Wilhelm-Raabe-Schule, die im Rahmen eines Projektes dem Schicksal der ermordeten Bewohner der Häuser nachgegangen sind und sie lasen ihre Namen einzeln vor. Schülerinnen und Schüler der Ricarda Huch Schule beteiligten sich am nächsten Tag als in der Harnischstraße weitere 15 Stolpersteine verlegt wurden.

Die Kosten, 95,- € pro Stein für die Herstellung und die Verlegung, wurden ausnahmslos von Bürgerinnen und Bürgern der Stadt nach einem Aufruf durch die DIG Hannover durch Übernahme von Patenschaften gedeckt. Daran beteiligten sich großzügig auch die heutigen Besitzer des Hauses Nr. 11.

Frank Lehmberg