Israelreise 2012:
Auf dem Gipfel des Tell el Ful

 Nachmittags am  04.04.2012 waren wir unterwegs mit Uriel, Allah und einem engen Mitarbeiter des Jerusalemer Bürgermeisters Nir Barkat, um die unvollendete Sommerresidenz des verstorbenen jordanischen Königs Hussein aufzusuchen, die sich auf dem Gipfel des Tell el Ful befindet. Der Blick, den man von dort oben ringsherum hat, war atemberaubend, macht aber auch die enorme strategische Bedeutung deutlich.

Ich bin sicher, Ihr werdet alle diese Eindrücke noch vor Eurem inneren Auge, ggfs. auch auf dort gemachten Aufnahmen präsent haben. Ich werde auf das Gesehene deshalb nur insoweit eingehen, als es für die politische Bewertung der Situation durch die Stadtregierung und den Staat Israel von Bedeutung ist und zu ihrem besseren Verständnis beiträgt.

Generell gesagt, befinden wir uns an der Ostflanke Jerusalems und dort wiederum auf einer relativ weit nach Norden vorgeschobenen Position. Die Ostflanke des heutigen Jerusalems wird gebildet durch einen durchgängigen Höhenzug und ein nach Osten abfallendes Vorland. Im Schnitt hat diese Hügelkette eine Höhe von gut 800 Metern, jedenfalls in ihren Kuppen. Im Süden beginnt diese Kette mit dem Ölbergbereich und dem Auguste – Viktoria – Komplex, es folgt der Skopus – Berg auf dem sich die Hebräische Universität und das Hadassah – Krankenhaus befinden.

Der Skopus-Berg war nach dem Waffenstillstands- vertrag von 1949 israelisches Gebiet (inklusive des arabischen Dorfes Isawiya), war aber eine exterritoriale Insel und die Jordanier unterbanden einen freien Zugang dorthin. Das hatte zur Folge, dass sowohl die Universität als auch das Krankenhaus in West – Jerusalem neu gebaut werden mussten. An den Skopus – Berg schließt sich der French – Hügel an, der nach dem  6 Tage – Krieg von 1967 unter anderem mit dem Stadtteil Givat Shapira bebaut wurde. Es folgt der arabische Stadtteil Shuafat (hebr. Shefet), dessen Baugebiet östlich der Hauptstraße ebenfalls in weiten Teilen über 800 Meter hoch liegt.

Als letztes und nördlichstes Glied in dieser Kette folgt der im Wesentlichen unbebaute Tell el Ful. Seine Höhenangaben schwanken zwischen 839 und 860 Metern. Er ist damit wohl der höchste Berg des gesamten östlichen Höhenzugs, dessen Verlauf ich deshalb so ausführlich beschrieben habe, weil er einen natürlichen Schutz darstellt gegen Beschuß durch Scharfschützen ( vor 1967 durchaus üblich), sowie auch motorisiert vorgetragene Angriffe erschwert, jedenfalls wenn das Gebiet unter israelischer Kontrolle bleibt. Das widerspricht der von den Palästinensern vorgetragenen Forderung, die  Hauptstadt eines noch zu bildenden eigenen Staates in Ostjerusalem errichten zu wollen.

Nun zurück zum Tell el Ful: Wenn man nach Ost und Nordost sah, konnte man sehr deutlich die jüdischen Stadtteile Pisgat Ze´ev und Neveh Ya´akov erkennen; dort leben rund 70.000 Einwohner mit wachsender Tendenz. Diese Stadtteile haben neben der reinen Wohnraumversorgung eine vielfältige Sicherungsfunktion, die hier nicht vertieft werden soll. Nur soviel: Seit der frühen Antike sollen die meisten Angriffe zur Eroberung Jerusalems von Norden aus vorgetragen worden sein. Ausnahme: König David, dem  im Süden ein Tunnelweg verraten worden sein soll.

Aber auch stadtplanerisch sind sie von großer Bedeutung. Sie sind Korsettstange um gemeinsam mit den westlich angrenzenden arabischen Stadtteilen die fingerartige Norderweiterung des Stadtgebietes zu stabilisieren. Ein Auseinanderreißen dieses Gebiets hielt der persönliche Referent von Bürgermeister Nir Barkat für kaum praktizierbar. Er wies zugleich darauf hin, dass ein Fünfjahresplan mit einem Volumen von 500 Mio Dollar angelaufen sei, mit dem in vernachlässigten arabischen Stadtteilen Straßen ausgebaut, befestigt und asphaltiert werden sollen. Außerdem soll die Zahl der Klassenräume an arabischen Schulen verdoppelt werden. Dieser Mangel an Raumkapazitäten ist allgemein bekannt. Der Referent wies aber darauf hin, dass der Mangel an den ultraorthodoxen Schulen gleich hoch ist.

Was den Straßenbau und Verkehrsinfrastruktur betrifft, konnten wir schon Fortschritte erkennen: Das Tell el Ful – Areal wird im Süden von der Aluf Yekutiel Adam Straße begrenzt. Das Teilstück zwischen der neuen Nord- Südautobahn (Route 60 neu) und der alten Route 60, die jetzt die Funktion einer lokalen Hauptstraße in Shu´afat und Beit Hanina übernommen hat, wurde unlängst fertiggestellt, in der Mitte befindet sich die ebenfalls neue Stadtbahn, die von Osten kommend,  westlich nach Shu´afat führt, an der dortigen Hauptstraße nach Süden abknickt und weiter ins Stadtzentrum fährt.

Ein Weiterbau dieser Ost- West Straße ist zunächst nicht beabsichtigt, soll aber nach dem Masterplan Jerusalem 2000 (nicht rechtskräftig, aber für Straßenbaumaßnahmen und Baugenehmigungen von Häusern durchaus schon relevant) in der Zukunft mit einer Nord- Süd Straße verbunden werden, die als örtliche Umgehungsstraße den westlichen Baurand berücksichtigt  und die Hügelkonturen aufgreift. Eine Weiterführung dieser Ost- West Straße bis zur Autobahn R 404 (Nord-Süd – Achse Shederot Menachim Begin) wäre wünschenswert, da sie eine schnelle Verbindung in die Mitte Westjerusalems bieten würde. Sogar eine Verlängerung bis Ramot Allon würde Sinn machen und Ramot Shlomo wäre anbindbar.

Die nördliche Begrenzung des Tell el Ful – Gebiets wird durch die Derekh Hizma gebildet. Diese Straße wird gerade zwischen Route 60 neu und 60 alt,unter leichter Verschwenkung der Trasse nach Norden, vierspurig neu gebaut und reicht sogar bis 100 Meter über die Hauptstraße von Beit Hanina nach Westen hinaus. Das Projekt steht kurz vor der Fertigstellung. Man sieht wieder einmal in Israel geht vieles zügiger als bei uns. Die Verbesserung der Verkehrssituation für Beit Hanina wird schon jetzt beträchtlich sein. Hier ist sogar eine erhebliche Verlängerung nach Westen und eine Anbindung an die Stadtautobahn R 404 nach Masterplan Jeruslem 2000 vorgesehen.

Nun noch einmal zu unserem Ausflugsort zurück: Tell el Ful bedeutet „Bohnenhügel“, muß also einmal landwirtschaftlich genutzt worden sein. Der hebräische Name ist Givat Sha´ul, nicht zu verwechseln mit dem Stadtteil gleichen Namens ganz im Westen Jerusalems. Wieso wird der arabische Bohnenhügel zum hebräischen Hügel Sauls? Am Tell el Ful hatten mehrfach archäologische Ausgrabungen stattgefunden. Die Erste erfolgte bereits 1868 durch den bekannten britischen Archäologen Sir Charles Warren. Schon damals bestand die Vermutung, dass es  sich um die Reste des biblischen Gibeah, Zentrum des Stammes Benjamin handelt und den Regierungssitz des Königs Saul, von dem aus er 38 Jahre regiert hatte.  1922 und 1923 ergrub der Amerikaner William F. Albright weitere Strukturen, die er in die Zeit König Sauls datierte und als die erste, noch vom König selbst erbaute Festung klassifizierte. In 1964 führt P. W. Lapp eine sechswöchige Rettungsgrabung durch und bestätigte Albrights Analysen, dass es sich um Überreste einer ersten, noch von König Saul erbauten Festung handele.

Sowohl die Identität von Tell el Ful und dem biblischen Gibeah und die Festungsthese sind inzwischen wissenschaftlich weitgehend anerkannt. Noch in 1964 wurde die Grabungsstelle verfüllt. In 1965 begann dann der Bau der Sommerresidenz. Es kann davon ausgegangen werden, dass dem jordanischen König Hussein die historische Bedeutung des Geländes bekannt war. Hatte er sich in früheren Jahren in einer Villa am Rande des Hügels eingemietet, beschloss er in 1964 den Bau der Residenz, es soll sich dabei um eine Gegenmaßnahme zu der Verlagerung des Amtssitzes des israelischen Staatspräsidenten von Tel Aviv nach Westjerusalem gehandelt haben, da er diese Maßnahme als eine Verletzung des Status quo ansah. König Hussein muss die 47000 m2, die seine Residenz umgeben sollten, käuflich erworben und entsprechende Eintragungen bewirkt haben. Da Israel keine Enteignungen vorgenommen hat, muss das Gelände noch heute im Eigentum des Jordanischen Königshauses stehen. Vielleicht enthält auch der israelisch- jordanische Friedensvertrag in Zusatzprotokollen eine entsprechende Schutzklausel. Um diese Situation zu kaschieren, wurde das Gelände planerisch als Archäologischer Park ausgewiesen, der allerdings nicht von der an sich zuständigen Altertumsbehörde sondern von der staatlichen Landbehörde verwaltet wird.

 Erst neuerdings wurden an den Rändern des Tell el Ful 4 kleinere Ausgrabungen vorgenommen, die allerdings so weit vom Kerngebiet entfernt liegen, dass der Residenzbereich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht tangiert ist. Kürzlich versuchte die Waqf – Behörde, die unter anderem auch die El Aqsa Moschee verwaltet, das Gebiet einzuzäunen, weil es sich zu einem Schlupfwinkel für Drogenabhängige, Dealer und Prostituierte entwickelt hatte. Der bereits errichtete Zaun wurde von der Stadtverwaltung wieder entfernt, weil keine Genehmigung eingeholt worden war. Der tägliche Kleinkrieg um Zuständigkeiten und Besitzstandswahrung wie wir ihn unter anderem auch aus der Grabeskirche zwischen den verschiedenen Konfessionen kennen.

Bedauerlicherweise endete unser Ausflug durch meine zwei Stürze dann vorzeitig, sonst hätten wir wohl noch Ramat Shlomo besichtigt. Es ist ein von Ultraorthodoxen bewohnter Stadtteil, der nach dem Rabiner  Auerbach benannt, durch sein gepflegtes Erscheinungsbild auffällt und zu Unrecht für internationale Proteste sorgte, weil die geplanten Neubaugebiete in einem völlig unstrittig bei Israel verbleibenden Gebiet liegen sollten. Na ja, vielleicht klappt es beim nächsten Mal.