“Ahmed, Ahmed, warum baust du eine Bombe?”

Mit viel Witz und klaren Worten hat der israelische Sicherheitsexperte Dan Schueftan seine Einschätzungen zur Lage im Nahen und Mittleren Osten gegeben. Er zeichnet ein düsteres Bild der Realität und kann über die Dialogbemühungen der Europäer nur den Kopf schütteln. Der einzige Grund, weswegen Israel heute noch existiere, sei die Angst der umliegenden arabischen Staaten vor der militärischen Schlagkraft des Landes.

Dan Schueftan

Wenn man Dan Schueftan mit einem Wort beschreiben wollte, dann wäre das Chuzpe. Schon seine Eltern nannten ihn „der Geist der stets verneint“. Er ist ein Faustus, ein Verführer der Worte, strotzend vor Arroganz, Selbstgewissheit und Sarkasmus. Seine Thesen zur Situation von Israel sind stets so überspitzt, dass sie kaum erträglich sind. Dabei sind seine Vorträge ein derartiges rhetorisches Feuerwerk, dass man unweigerlich in seinen Bann gezogen wird.

Mit diesen Worten hat Schueftan schon Ariel Scharon brüskiert, hat sie benutzt, um mit Yizhak Rabin nach dessen Wende zur Friedenspolitik zu brechen. Oft hat er Recht behalten, auch wenn seine Thesen noch so abwegig erschienen. Vor Jahren entwarf er den Rückzug aus dem Gazastreifen und sagte den Bau des Sperrzauns voraus, als Scharon ein solches Unterfangen noch für völlig abwegig hielt. Schueftan hat keine wahrsagerischen Fähigkeiten. Weit gefehlt. Er sieht die Realität des Nahen Ostens gnadenlos pragmatisch.

Man dürfe sich keine Illusion machen, sagt Schueftan, und kommt gleich auf einen seiner Kernpunkte zu sprechen: Der einzige Grund, weswegen Israel heute noch existiert, ist, weil die umliegenden arabischen Staaten Angst vor der militärischen Schlagkraft des Landes haben. Denn solange Pluralismus auf staatlicher Ebene in der arabischen Welt nicht möglich sei, wird dort auch kein Platz für einen jüdischen Staat sein. Selbst die Hashemiten, die einzige Herrscherfamilie der Region, die Israel wohlgesonnen sei, könnte diese Haltung niemals öffentlich vertreten. „Die Frage ist nicht, wie sich jemand verhalten will, sondern wie er sich verhalten muss, um in der arabischen Welt zu bestehen.“ Dass es Friedensverträge gäbe, sei kein Wiederspruch zu dieser Realität, sagt Schueftan. Denn sie hielten nur so lange bis man sich Israel überlegen fühle.

Zwar schließt der Geschichtsprofessor der Haifaer Universität nicht aus, dass einzelne Araber anders denken, ja sogar den Frieden mit Israel wollen. Diese seien auf der Ebene von Staaten gedacht „nicht nur marginal, sondern unbedeutend“. Der Glaube an den Frieden sei etwas, was sich nur Europäer leisten könnten, denn die überwiegende Mehrheit der Menschen hätten das Böse nicht mehr erlebt.

Und damit ist Schueftan bei seinem Lieblingsthema angelangt: bei dem Märchen, das sich die Europäer über den Nahen Osten zusammenreimen. Die These ist nicht neu und dennoch ist sie in der Eindringlichkeit, mit der sie Schueftan formuliert, neuerlich entwaffnend. Das Märchen beginnt mit vielen Jahrhunderten des Kriegs, mit Barbarentum, das mit einem gewaltigen kathartischen Ereignis – dem Zweiten Weltkrieg – überwunden werden konnte. „Und weil das mit dem Dialog seither so wundervoll geklappt hat, sollen es die Israelis und Araber nun auch tun“, sagt Schueftan und fügt in seinem beißenden Sarkasmus hinzu: „Wir sollen also einfach zu Mahmoud Ahmadinedschad hingehen und ihn fragen: ,Ahmed, Ahmed, warum baust du eine Bombe?‘“

Die Europäer, so Schueftan, wollten, dass die Israelis und Araber so werden wie sie selbst und Israel in der arabischen Welt ein Land wie Deutschland in Europa. Aber, entgegnet er sogleich, wollen die Araber erstens nicht so sein wie Israel und zweitens, und hier wird Schueftan noch einmal ganz deutlich: „Zu erwarten, dass in diesem Ozean von Gewalttätigkeit eine Insel von Harmonie existiert, ist total Fantasie.“

Damit ist klar: Dan Schueftan ist kein Friedenskämpfer. Nicht, weil er ihn sich nicht wünschen würde, sondern weil er ihn für schlichtweg unmöglich hält. Mehr noch hält er den Glauben eine eine Lösung für einen Irrweg, der die Gefahr, in der sich Israel befindet, ignoriert. Schueftan plädiert für eine pragmatischere Sicht der Realität: „Menschen verbringen ein ganzes Leben mit ungelösten Problemen.“ Ein Beispiel sei Kriminalität, die man zwar verringern, das Problem aber nie ganz lösen könne. Und so könne auch Israel sich mit einer Situation ohne Friedensvertrag arrangieren. „Ein bisschen weniger als Frieden ist auch gut.“ In Anbetracht der ständigen Bedrohung, der Israel seit Jahren ausgesetzt ist, sei es bemerkenswert, wie sich Wissenschaft und Wirtschaft entwickelten und wie stark die Demokratie sei.

Als Pragmatiker erkennt Schueftan dennoch, dass gerade der demokratische Charakter des Staates durch die aktuelle Siedlungspolitik im Westjordanland gefährdet ist. Nicht weil es Frieden bringen würde, unterstützt er den Rückzug aus dem Gebiet, sondern weil das starke Wachstum der palästinensischen Bevölkerung die Identität Israels gefährdet. Auch die große Mehrheit der Israelis würde das so langsam verstehen. „Wir können vieles sein, aber wir können niemals undemokratisch und unjüdisch sein.“

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